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9.6.2008

Die achtsame Gesellschaft

„Achtsamkeit“ ist für mich eine Beschreibung einer Haltung von Menschen. Für mich ist das nicht nur ein Phänomen mit dem sich Teile des Innenlebens ausdrücken lassen sondern ich meine, es ist tatsächlich von gesellschaftlicher Bedeutung...

Vor einigen Tagen war ich mit meiner Frau Kristin mit dem Fahrrad unterwegs. Wir fuhren gemächlich durch den Olympiapark in München. Für diejenigen die den nicht kennen: Er ist durchzogen von asphaltierten Wegen und wird genutzt von Spaziergängern, Radfahrern, Skatern, Nordic Walkern, Joggern. Es kann sich jeder vorstellen, dass sich da manchmal Konflikte einstellen vor allem zwischen Radfahrern und denjenigen die sich auf zwei Beinen fortbewegen.

Wie wir so entlang fuhren kamen wir einer Ansammlung von Personen näher, die sich auch als „Familie mit Freunden“ charakterisieren ließe. Es handelte sich um 6 erwachsene Personen die in einer Reihe nebeneinander auf dem Weg liefen. Eine Frau auch mit Kinderwagen. Alle waren im Gespräch vertieft. Links wie rechts war ziemlich wenig Platz und wir mussten damit rechnen, dass sich die Personen an beiden Enden erschrecken würden oder gar un-achtsam vielleicht so bewegen, dass die Gefahr von Kollision und Verletzung bestand. Offenbar war das keinem bewusst, denn als ich es wagte die Klingel zu betätigen schien die Reihe zwar etwas in Unordnung zu kommen, es war nicht wesentlich mehr Platz vorhanden.

Soweit so gut, wir fuhren langsam vorbei und da hörte ich: „Unverschämtheit“ und „...wirklich frech“... Und das wurde zum Anlass dieses Eintrages.

Es fällt mir in letzter Zeit häufiger auf (auch in Bezug auf meinen letzten Besuch in den USA) wie wenig Achtsamkeit in vielen Lebensbereichen stattfindet. Jetzt könnte jemand frech sagen: „Sei halt nicht so empfindlich, ist doch halb so schlimm.“ Und diesem jemand würde ich sagen: „Das halb-so-schlimm ist die andere Seite der Medaille und wird dadurch vielleicht noch mehr zum Verstärker fehlender Achtsamkeit.“

Das „Abschütteln“ solcher „Kleinigkeiten“ mit einem schlagfertigen Kommentar oder auch das einfache Ignorieren habe ich in den letzten 40 Jahren nämlich wie ihr alle auch mehr oder weniger gelernt. Wenn man möchte kann man auch Bücher über „Schlagfertigkeit“ in solchen Situationen kaufen oder sich Strategien zurecht legen, wie man locker pariert. Darum geht es mir aber nicht. Ich erlebe häufig bei manchen meiner Coaching Klienten sehr ausgeprägte Mechanismen im Umgang mit den „toughen“ Anderen. Manche kommen sogar zu mir um an ihrem „Standing“ etwas zu ändern. Fast immer sind sie daran gescheitert, ihre Fähigkeit zur Wahrnehmung und Be-achtung bestimmter Sachverhalte weiter einzudämmen was dazu führt, dass sie dann eine lange Zeit an immer wiederkehrenden Kränkungen leiden. Dass das eine andere, eine übermäßige und vielleicht sogar manchmal verstärkende Form der Aufmerksamkeit ist möchte ich noch erwähnen, denn in so einer Ausprägung hat das nichts mehr mit Achtsamkeit zu tun, sondern mehr mit Konzentration oder gar Problemtrance. Zurück also zum eigentlichen Thema.

Als Coach und Berater bin ich seit einigen Jahren bemüht meine Achtsamkeit zu entwickeln bzw. zu erhalten und kann mir vorstellen, dass das eine Daueraufgabe bleiben wird. Aber nicht nur da, wo Menschen Geld dafür bezahlen, dass andere in einer professionellen Rolle alle Sinne und das dazu gehörende „Bewusstsein“ zur Verfügung stellen ist Achtsamkeit eine wichtige Haltung. Wie hilfreich könnte Achtsamkeit aber auch in Beziehungen sein, bei denen eine andere Währung als Geld gilt, z.B. in Freundschaften oder Beziehungen?

Wenn man die Literatur oder das Internet nach dem Begriff Achtsamkeit durchsucht wird man schnell sehen, dass das Konzept deutliche Wurzeln im Buddhismus hat. „Au backe“ wird sich der eine oder andere denken, das ist wieder so was Esoterisches. Ich möchte es mal ganz nüchtern betrachten: Wenn es uns in unserer Gesellschaft gelänge, das zu hören, was andere wirklich sagen oder das zu sehen, was wirklich um uns herum abläuft, dann hätte das enorme Auswirkungen auf das öffentliche und private Leben. Zum Beispiel auf den Wahlkampf. Oder auf den Umgang mit Bürgern in Behörden. Oder beim Warten auf den Bus oder die U-Bahn. Oder eben wenn Fahrradfahrer und Fußgänger sich begegnen. Wie wäre es, wenn ein Konzernvorstand achtsam im Umgang mit seiner Belegschaft handeln würde oder wenn ein Betriebsratsvorsitzender eine Rede auf einer Betriebsversammlung halten würde. Ich meine, es würde vieles ändern und die gegenseitige Bezogenheit, vor allem die gemeinsame Verantwortung für unser Zusammenleben stärken. Ein Bekannter von mir ist Gerald Hüther (Neurobiologe und „Hirnforscher“), mit dem und anderen ich das forum humanum gegründet habe hat im Juli diesen Jahres auf einem Vortrag in Heidelberg folgendes erzählt: Wir Menschen neigen dazu, sehr schnell auf vergangene Erfahrungen zurückzugreifen. Z.B. beim Kennenlernen von Menschen greifen wir sehr schnell auf Erinnerungen zurück. Beim Betrachten von fremden Gesichtern lässt sich zeigen, dass wir nur 20% des sensorischen Inputs der Augen nutzen und den Rest aus der Erinnerung holen, d.h. wir benutzen uns selbst bei der Interpretation. Das heißt wohl auch, dass wir mehr vom in uns abgespeicherten Erfahrungs- und Wissensschatz sehen als vom anderen selbst. Unter diesen Umständen hoffe ich inständig, dass ich vor allem Menschen begegne, die gute Erfahrungen mit meinen alter Ego’s gemacht haben ;-)

Die gute Nachricht: Achtsamkeit ist lernbar. Die schlechte Nachricht: Aber nicht trainierbar wie ein Muskel. Achtsamkeit ist eine Haltung und nicht durch Lesen eines Fachbuchs oder auch dieses Blogs. Achtsamkeit lernt man durch Erfahrung. Und dazu braucht man wieder andere Menschen, die diese Erfahrung mit einem teilen. Für mich war das Institut für systemische Beratung in Wiesloch so eine „Haltungs-Schule“. Den größten Einfluss auf uns aber hat immer noch unsere Gesellschaft. Sie bietet die größte Schule des Lebens, jeden Tag, für jeden von uns. Und auf dem Lehrplan steht das, was uns wichtig ist. Ich lade Sie / euch ein, zu mehr Achtsamkeit...

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