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4.14.2009

Erfahrung im Kloster – Be-Kenntnisse

Liebe Leserinnen und Leser,

schon eine ganze Weile habe ich mit Vorfreude auf meinen ersten Aufenthalt in einem Kloster gewartet. Verbunden mit einer Weiterbildung habe ich jedoch etwas ganz Interessantes neu entdeckt: M-ich.

Vor einigen Wochen saß ich im Rahmen eines Führungskräftetrainings mit einer Kollegin zusammen und wir tauschten uns über Dinge, die uns weiterbringen würden. Sie erzählte dann von ihrem ersten Aufenthalt im Kloster vor einigen Jahren und dem Wert dieses Aufenthalts, der für sie heute noch spürbar sei. Für mich war damals in erster Linie verlockend einmal für einige Tage aus einem schnell getakteten Geschäftsleben einen anderen Lebensrhytmus anzunehmen und so meldete ich mich an zu einem Seminar mit dem Titel „Präsenz in der Führung und im Berufsalltag“. Um es kurz zu machen: Das Seminar war gut, aber am intensivsten war einfach die gelebte Zeit für mich zwischen diesen Klostermauern. Ehrlich gesagt ist es wirklich gut zu wissen, dass ein solches einfaches Leben in dem Handy und Computer so gar keine Rolle spielen noch die Antwort auf die Frage wirklich wichtig ist: „Wie komme ich am schnellsten von Hamburg nach Wien ohne die Reisekostenrichtlinien meines Kunden zu überschreiten?“

Und so erlebte ich drei intensive Tage vor allem mit mir selbst. Das Seminar selbst war als Schweigeseminar ausgelegt, d.h. wir sollten während den Mahlzeiten und auch zwischen den Seminareinheiten das Schweigen der anderen respektieren. Es war am Anfang schon etwas gewöhnungsbedürftig, sich nicht anderen mitteilen oder gar präsentieren zu müssen. Die Beraterkollegen unter uns werden diesen Effekt wahrscheinlich kennen: So mancher Kunde erzwingt gelegentlich skurrile Selbstinszenierungen – und ich ertappe mich manchmal beim Mitspielen...

Lernpunkt #1: Achtsamkeit

Nachdem dann erst einmal rasch klar wurde, dass dies kein Ort für solche Aktivitäten ist und man wirklich vor allem einmal einem Wesen ausgesetzt ist: S-Ich selbst. Im Schweigen bin ich mir dann wirklich einmal mehr begegnet. Eine Erfahrung, die ich eigentlich immer den Führungskräften und Beratern erzähle oder ans Herz lege, wenn ich mit diesen Menschen arbeiten darf. Ich kann nur wiedergeben, was sonst dazu aus meinem Mund (und jetzt wieder mehr aus meiner Seele) zu hören ist: Nur wer sich selbst erkennt kann mit anderen gut umgehen. Und dabei ist auch der achtsame Umgang mit sich selbst wichtig. Nicht noch schneller, routinierter und zielsicherer lautet die Aufgabe. Ich habe fast vergessen, wie es ist ein staunender Mensch zu sein und sich selbst bei der einen oder anderen Aufgabe zuzusehen. Wann haben Sie sich das letzte mal wohlwollend beobachtet? Ja, wohlwollend... ;-) Der achtsame Umgang mit sich und den anderen möchte ich gerne noch an einem kleinen Erlebnis illustrieren: Als Seminar wurde uns ein fester Tisch zugewiesen an dem wir immer unsere Mahlzeiten einnahmen. Eines Abends kam Willigis Jäger zu uns (ja, der Meister persönlich). Er sprach uns an: „Meine Damen und Herren, mir ist zu ihren Essgewohnheiten etwas aufgefallen. Sie essen vermutlich, wie sie es gewohnt sind, also nehmen Sie sich, wenn sie hungrig sind und schöpfen auf ihre Teller. Hier aber sind wir in einem Kloster. Wir kümmern uns darum dass die anderen all das haben, was sie brauchen und damit sind alle automatisch versorgt.“ Er erzählte weiter: „Es war einmal ein Priester in einem Kloster, der hatte eine Maus in seiner Suppe.

Statt sich über die Maus zu beschweren sagte er: Mein Nachbar hat noch keine Maus in der Suppe.“Für den einen vielleicht einfach nur eine lustige Geschichte. Ich fand die Art und Weise wie er erzählte großartig. Keiner war beschämt, aber alle hatten etwas gelernt. Und beim nächsten Essen musste sich keiner mehr um einen vollen Teller sorgen, es wurde dafür gesorgt.

Lernpunkt #2: In der Wahrnehmung bleiben

Eine Erfahrung möchte ich noch mitteilen, die ich als Erkenntnis wieder entdecken durfte: Es ist sehr entlastend in der eigenen Wahrnehmung zu bleiben (und dadurch auch präsent). Mir ist wieder einmal klar geworden, wie oft ich mit meinen Gedanken voraus oder zurück eile und zu wenig das wahrnehme, was eigentlich gerade da ist.Auch dazu gibt es eine Geschichte von unserem Lehrtrainer Ludger Beckmann: Ein Mann wurde Vorstandsvorsitzender eines Konzerns und gleichzeitig Leiter des größten Bereichs. Als dieser Mann wenige Tage im Amt war wurde ihm klar, dass er das Unternehmen würde sanieren müssen und wohl den größten Bereich (weswegen er eigentlich geholt wurde) würde schließen müssen. Es wurde beobachtet wie dieser Vorstandsvorsitzende sich zwei Karten schrieb und beide bei vielen Gelegenheiten vor sich auslegte. Auf der einen Stand: Den anderen ZUHÖREN. Auf der anderen: Dir selbst ZUHÖREN.

Er konnte dadurch in der Wahrnehmung bleiben und wurde nicht durch seine Gedanken abgelenkt. Eine hohe Kunst wie ich finde.

Lernpunkt #3: Bei mir bleiben UND beim anderen

Endlich kann ich ausdrücken, was ich oft bei meinen Teilnehmern beobachte, die ein Gespräch üben sollen (ob es das erste Coaching-Gespräch ist oder z.B. ein Kritikgespräch ist dabei egal). Für einen Ungeübten ist es unheimlich schwierig bei sich selbst zu bleiben (also z.B. Körperempfindungen der „Antennen“ zu registrieren) UND dem anderen folgen zu können. Viele glauben, man könne nur das eine ODER das andere gleichzeitig. Wenn ich zurück blicke ist mir klar geworden, dass ich diese Fähigkeit in vielen Coaching- oder Beratungssequenzen eingeübt habe und trotzdem entscheidet manchmal die Tagesform darüber. Ich hoffe ich kann damit als Ausbilder für Coaches, Berater und Führungskräfte meine Teilnehmer mehr zum Üben bringen als bisher.

Lernpunkt #4: Anerkennen was ist

Eine der wichtigsten Erkenntnisse für mich liegt in der Fähigkeit anzuerkennen was gerade ist. Wie oft sind wir in unserem Leben damit beschäftigt uns zu sorgen was denn wohl bald passieren würde (z.B. durch die anhaltende Wirtschaftskrise). Oder uns auszumalen wie es wäre, wenn wir doch nur mehr Geld verdienen würden, ein größeres Auto fahren könnten oder nicht mehr so viel arbeiten müssten. Der Königsweg für mich ist: Anzuerkennen was ist: Die Arbeit die einem manchmal viel wird. Die Erkältung (wie im Moment) die mich nervt und die ich gerne einfach nur weg haben würde, oder dass mich mein alter Wagen eben immer öfter in die Werkstatt zwingt. Anzuerkennen was ist das Gegenteil von Verdrängen oder nicht Wahrhaben wollen. Erst dann wird Veränderung erst so richtig möglich. Ludger Beckmann hat uns von Moshe Feldenkrais erzählt, der erfolgreich mit Behinderten arbeitete. Vor allem dadurch, dass er anerkannte, was ist: Er hat die Menschen aufgefordert sich genau so zu bewegen, wie sie das mit ihrer Behinderung konnten. Er wollte genau wissen, wie sie sich mit ihrer Behinderung bewegen. Erst dann hat er langsam verändert...Wenn ich da an meine Aufgaben als Projektleiter für Veränderungsprojekte denke, wird mir bewusst, wie oft ich schon früher als nützlich in der Vergangenheit auf notwendige Veränderungen bestanden habe. Ob ich damit jetzt ein besserer Change Manager bin? Vielleicht schon, wenn es um das Thema Nachhaltigkeit geht.

Lernpunkt #5: Sorgfalt

Es ist erstaunlich, aber wahr: Ich habe die Sorgfalt wieder entdeckt. Zuallererst die Sorgfalt mit mir selbst. Es ist umso erstaunlicher, als mir dies in manchen meiner Rollen nicht schwer fällt mich daran zu erinnern. Als Lehrtrainer am Institut für systemische Beratung in Wiesloch meine ich wirklich wesentliche Themen mit großer Sorgfalt zu behandeln oder auch als Lehrender sorgfältig vorzugehen. Ich bin mir nicht sicher, ob mir das im Eifer des Gefechts als Berater Führungskräfteentwickler immer so gut gelingt. In beiden Aufgabenfeldern erlebe ich zwar auch nach wie vor eine starke Leistungsverdichtung (in kürzerer Zeit immer mehr leisten) das soll aber keine Entschuldigung sein, sich auf ein hohes Tempo einzulassen. Vielleicht liegt die Sorgfalt darin begründet irgendwann die Geschwindigkeit auf ein sinnvolles Maß zu bringen, aber das ist natürlich zunächst nur hypothetisch.

Lernpunkt #6: Spiritualität hat nichts mit Religion zu tun (jedenfalls nicht notwendigerweise)

Willigis Jäger war an einem Abend bei uns und hat zu uns gesprochen. Wieder sehr beeindruckend, weil ich das Gefühl hatte, dass er ohne jeden Dünkel oder Großmut sprach. Er erzählte einfach: Diesmal davon, dass er meinte, dass man Licht eigentlich nicht sehen könnte. Und manchmal, wenn man davon etwas sehen will, dann nimmt man halt ein buntes Kirchenfenster in dem die Farben dann sichtbar werden. Man kann genauso gut etwas anderes nehmen um Licht sichtbar zu machen.

Lernpunkt #7: Der Mensch ist was er ist (anerkennen was ist Teil II)

Willigis erzählte uns noch etwas anderes: Er berichtete von einer Studie, die erst jüngst veröffentlicht wurde von einem schwedischen Institut. Dieses Institut hat ein Gutachten erstellt, nach dem in den letzten 7.000 Jahren 15.700 Kriege geführt wurden, bei denen 15 Milliarden Menschen umkamen. Ja, was sind wir eine Spezies die vor allem das eine kann: Sich gegenseitig umbringen.Aber auch hier ging es ihm nicht um den moralischen Zeigefinger, sondern um Erkenntnis, denn offenbar haben wir wirklich noch viel zu lernen. Manchmal spielen sich Kriege auch auf Autobahnen ab. Was mir bei der Heimfahrt wieder einmal klar wurde.

Lernpunkt 8: Innehalten

Vielleicht spielen sich diese Konflikte nicht nur in der Außenwelt ab, sondern liegen tatsächlich in uns. Bei mir fängt das üblicherweise schon damit an, wenn ich entscheiden muss, welcher Aufgabe ich meine Zeit widme. An Tagen wo ich diese Entscheidung zwischen 5 und mehr Aufgaben treffen muss und dann noch mit Telefonaten zu tun habe kann das schon zu einem ganz interessanten Innenleben führen. Für mich ist dieses "Innehalten" ganz entscheidend: Alle Aktivitäten für einen Moment zu unterbrechen und nachzusehen, was spielt sich da eigentlich im Moment ab? Einfach erst mal nur zu beobachten und nichts zu verändern. Damit klären sich viele Dinge erstaunlich ohne großes Zutun (Priorisieren, Aktivitätenliste prüfen usw.).

ResuméeDie wichtigste Erkenntnis für mich ist: Der Kontakt zu mir selbst ist das Geheimnis zu vielen existentiellen Themen: Meine Leistungsfähigkeit als Lehrtrainer, Berater und Coach aber auch meine Art und Weise wie ich mit meinen Eltern oder meiner Frau umgehe. Dieser Kontakt will gepflegt sein. Und ich bin gespannt was ich vielleicht in einigen Wochen, Monaten, Jahren über diese Kontaktpflege berichten kann.

Herzliche Grüße mit diesem Erfahrungsbericht,

Ihr Markus Schwemmle

P.S. Meine Erfahrung konnte ich am Benediktushof in Holzkirchen bei Würzburg machen: http://www.benediktushof-holzkirchen.de/

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