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11.28.2020

Idiotie zweiter Ordnung

Wie Diskreditierung Anderer zur Spaltung unserer Gesellschaft beiträgt

In den letzten Monaten können wir verstärkt ein sehr menschliches Phänomen beobachten, das ich als systemischer Berater als „Etikettierung“ definieren würde. Es bezeichnet die nur allzu einfache Möglichkeit andere in Schubladen zu stecken und zu stigmatisieren. Ein systemischer Kollege Fritz B. Simon versteigt sich sogar in seiner „Kehrwoche“ dazu das öffentlich zu tun mit dem Satz: „Mir scheint der Begriff Cov-Idiot außerordentich passend, um damit all die Leute zu disqualifizieren, die meinen, dieses Sars-Cov-2-Virus und seine Folgen seien kein Problem.“ Hier der Link zu seinem Artikel: [https://www.carl-auer.de/magazin/kehrwoche/cov-idioten]
In diesem Artikel könnt ihr lesen, welche Wirkung Etiketten haben und welche Idiotie aus meiner Sicht auf einer anderen Ebene damit verbunden ist.

Eine Funktion von Etikettierung ist die der Distanzierung und Relativierung: Ich muss mich als jemand der Etiketten vergibt nicht mehr mit Sachverhalten und den Motiven von Personen auseinandersetzen, die mir aus welchem Grund auch immer zuwider sind. Oft wird ja durch die Vergabe eines Wortes deutlich, was ich von jemandem halte. Das Etikett macht (aus meiner Sicht) deutlich wie ein Mensch zu verstehen ist und alles andere wird in dem Fall undenkbar. Punkt, aus, fertig. No Discussion needed. Warum fühlen wir uns dann bemüßigt andere mit Worten zu begrenzen und zu diffamieren? Und ich bin übrigens auch nur ein Mensch und kann mich dem Drang zur Etikettierung gelegentlich nur schwer widersetzen (weiß aber meistens immerhin hinterher was ich da mache…). Eine mögliche Antwort ist: Komplexitätsreduktion. Wer Andere auf eine Eigenschaft z.B. die der Idiotie reduziert, kann sich auf sehr einfache Art und Weise davon abgrenzen. Bei Wikipedia kann man nachlesen, dass ein Idiot im heutigen Sprachgebrauch als Schimpfwort geläufig ist und einen dummen Menschen bezeichnet. Gut, dafür hätte ich jetzt Wikipedia nicht gebraucht. Ist doch klar. Wer also mit dem Finger auf andere zeigt um sie zu „disqualifizieren“ - also für dumm zu erklären - braucht sich über „dumme“ Reaktionen nicht zu wundern. Die polarisierende Herabsetzung verhindert nämlich etwas ganz Wesentliches: Dialog und als Konsequenz daraus gegenseitiges Verständnis und viellicht auch Annäherung.
Die sogenannten „Dummen“ tun sich dann gelegentlich in ihrem kollektiven Unverstanden-sein zusammen und reagieren mit starken Emotionen. Damit würde ich das im besten Fall als irrational beschreiben, aber keinesfalls dumm.


Es dient am Ende des Erhaltes des eigenen Selbstwertes, der mit Sicherheit reduziert wird, wenn einen jemand anderes als „Idiot“ bezeichnen.

An dieser Stelle möchte ich eines sachlich klar stellen:
Ich bin kein Gegner der aktuellen Corona-Maßnahmen. Sondern ich bin kritischer Bürger, der sich erlaubt das Ausmaß des vernetzen Schadens einzuschätzen und eine eigene, differenzierte Meinung hat zu der Wirksamkeit der Maßnahmen. Ich bin selbst froh in diesem Land zu leben mit entschlossenen Führungskräften und Politikern. Entscheidungen, Maßnahmen und der Grad an Organisiertheit in der Pandemie sind offenbar hoch bzw. höher als in anderen Ländern und wir stehen im Moment noch ganz gut da im internationalen Vergleich. Mal sehen wie lange noch und in welchen Lebensbereichen, aber das ist ein Thema für einen anderen Artikel. Ich bin auch überzeugter Demokrat und wünsche mir deshalb Gespräche auf Augenhöhe und nicht nur „Statements“ und Etikettierung. Und ich habe eine sachliche Meinung z.B. zum Tragen von Masken. Ja, ich trage Maske aus Einsicht und tue das aus Respekt vor der Gesundheit meiner Mitmenschen. Ja, ich habe Angst, wenn jemand in meiner Nähe keine trägt und offen kund tut, dass das nichts bringt. Möglicherweise ist das lebensgefährlich für mich und andere. Möglicherweise. Denn trotzdem gibt es die Gefahr der Ansteckung auch mit Maske und es gibt auch andere Nebenwirkungen. Die kenne ich durch die Erfahrungen meiner Kinder beim dauerhaften Maske Tragen in der Schule. Hier finde ich es trotz aller Belastung als Vater vertretbar, dass die Kinder den ganzen Tag und auch beim Sportunterricht Maske tragen. Und mir widerstrebt es zutiefst andere Menschen nur noch als Gefahrenquelle für Ansteckung zu sehen und ebenfalls zu etikettieren. Deshalb halte ich mich räumlich fern von all denen, die das mit der Maske eben anders sehen und offensichtlich so praktizieren. Das heißt aber nicht, dass ich nicht bereit wäre ihnen zuzuhören.

Ich finde es ist eine Idiotie zweiter Ordnung andere mit Etiketten abzustempeln und damit nicht mehr im Gespräch zu sein. Und ich glaube es braucht den Dialog mehr denn je. Das aus meiner Sicht irrationale oder nicht logische Verhalten der sogenannten Cov-Idioten sollten wir ernst nehmen auf einer anderen Ebene. Es geht darum zu fragen und sich zu interessieren: Was ist das Motiv hinter den Protesten? Mit starken Worten vergleichst Du lieber Fritz das Nicht-Tragen einer Maske mit dem Fahren auf der Gegenseite einer Autobahn und negierst die Einschränkung der persönlichen Freiheit. Das ist aus meiner Sicht genau der Grund, warum es immer mehr „Cov-Idioten“ gibt. Durch Etikettierung einerseits und Leugnung der Bedürfnisse dieser Mitmenschen andererseits. Denn eines ist sehr klar: In meinen Augen ist die Pflicht eine Maske zu tragen eine Einschränkung meiner persönlichen Freiheit. Wobei ich das so erlebe, dass es da noch viel mehr Einschränkungen gibt. Faktische Berufsverbote für Gastronomen, Einschränkungen für Hoteliers usw. Und ja, ich bin bereit diese Einschränkungen mit zu tragen. Aber ich habe auch die Energie und Ressourcen das zu tun.

Andere haben diese Bereitschaft nicht (mehr) und ich glaube dass wir mit Abwertungen und Schimpfworten diese Bereitschaft nicht erhöhen. Wenn jemand etwas schreibt, so wie Du lieber Fritz, dann frage ich mich, was dabei deine Absicht war? Darüber kann ich nur spekulieren. Im besten Fall kann ich Dir gute Gründe unterstellen, nämlich plakativ darauf aufmerksam zu machen, wie wichtig es ist, gemeinsam in dieser Pandemie zu handeln. Im schlimmsten Fall hältst Du dich für moralisch überlegen und weißt es halt einfach besser als andere. In jedem Fall bringt es diejenigen die nicht rational und nach bestehendem „Wissen“ handeln nicht wirklich dazu anders zu handeln. Die, die sowieso auf der Sachebene auf unserer gemeinsamen Seite sind klopfen sich dann höchstens auf die Schenkel und halten sich gemeinsam mit Dir für „besser“, „überlegen“ und „schlau“. Was so eine Haltung der inneren Überlegenheit anrichten kann haben wir erlebt als dadurch Mr. Trump ins Amt gewählt wurde. Das Symptom Trump hat viele Leben gekostet und die Welt polarisiert. Es ist aus meiner Sicht aber nicht die Ursache. Die Ursache ist, dass sich Menschen abgehängt und nicht verstanden fühlten.


Am Ende meines Beitrages eine Frage an Dich: Wie würdest Du reagieren, wertgeschätzter systemischer Kollege, wenn Dir jemand das folgende Label anbieten würde: Zur Schau gestellte Selbstüberhöhung ist eine Form von Idiotie zweiter Ordnung, weil sie eine positive Wirkung auf diejenigen verfehlt, die sich nicht rational verhalten. Das Thema ist längst vor allem emotional. Vermeintliche Menschenverachtung kann deshalb in meinen Augen nicht durch weitere Verachtung umgedreht werden, sondern durch Dialog und Kontakt - wenn’s nach mir geht gerne Online oder mindestens bitte mit Maske.

An dieser Stelle empfehle ich ein Interview mit Dieter Nuhr, der mir aus dem Herzen spricht: https://youtu.be/HxqIHhYPAoo

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