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6.30.2012

Systemisch intervenieren oder die Erschaffung nützlicher Information...

Anfang Juni 2012 startete unser Kurs "Systemische Organisations-entwicklung und Change Management" in München. Ein wesentlicher Bestandteil des ersten Bausteins besteht darin, alle Teilnehmer miteinander und mit der Lernkultur vertraut zu machen. Eine Reihe von Impulsen und Lerngelegenheiten werden dazu in 3 Tagen in einer Choreographie vorgeschlagen. Einer der wichtigsten und für mich in meiner Rolle als Lehrtrainer auch der schönste Effekt ist, dass die Wahrscheinlichkeit sehr hoch wird, dass sich die beteiligten Menschen aufeinander einlassen und sehr schnell Vertrauen in einander entwickeln. Das ist übrigens ein Umstand, der für uns in unserer Erwachsenenwelt sehr außergewöhnlich ist, denn die meisten Vertrauten gewinnt man bis etwa einem Alter von ca. 25 Jahren. Danach ist es deutlich schwerer.

Ein Impulsbeitrag im ersten Baustein beschäftigt sich mit der Kernfrage: Was sind "systemische Interventionen" und wie kann man sie nutzbringend inszenieren. Eine erste Antwort darauf ist: "Eine Intervention ist die Schaffung von nützlicher Information". Diese Definition stammt übrigens von Richard von Weizsäcker. Es ist doch immer wieder spannend, wer sich professionell in unserem Themengebiet beschäftigt hat...

Eine Intervention ist also immer eine Art Eingriff. Hier im Sinne des Hinzufügens oder Erschaffens von nützlicher Information. Dadurch wird auch deutlich, dass Intervention immer auch ein Akt der Kommunikation ist. Nun haben sich in den letzten Jahrzehnten in vielen Disziplinen ganze Sammlungen von "Interventionen" in verschiedenen Fachgebieten ergeben. Eine der eindrucksvollsten gibt es z.B. im NLP (neurolinguistischen Programmieren). Andere gibt es in der Politik (z.B. Entwicklungshilfe), in der Produktion (z.B. Kaizen) oder gar beim Militär (Strategie der Terrorbekämpfung von Herrn Obama) Wenn man allerdings genau hinschaut, dann sind die vielen "Rezepte" häufig von einer Annahme durchdrungen. Sie lautet: "Wenn das der Fall ist, dann tue dies." Es handelt sich um die Annahme einer eindeutigen Ursache - Wirkungsbeziehung.

Um es ein für alle mal an dieser Stelle klar zu machen: Leider ist das auch nur eine Wirklichkeitskonstruktion. Dummerweise ist sie zur Zeit das eindeutig vorherrschende Denkmuster von sogenannten Experten, die - wenn es nach ihnen ginge - sehr klare, eindeutige Eingriffe vorschlagen würden und dann mit am besten absoluter Gewissheit die Zielerreichung garantieren. Es ist leider nur eine Denkweise, eine Annahme. Die Amerikaner haben dafür einen schönen Ausdruck: It's a trick of mind. Gerade dann, weil Eingriffe in komplexen belebten Systemen niemals mit vollständiger Sicherheit "funktionieren" ist eine systemische Intervention von einem anderen Charakter. Hier geht es nicht um eine detaillierte Programmierung oder zentrale Steuerung, sondern lediglich um eine Impulsvorgabe zur Selbstregulation. Das ist im besten Fall ein Antippen von Wechselwirkungen zwischen Individuen und ihren Umwelten. Es geht mehr um die Nutzung vorhandener Energien und ein ständiges Wechselspiel mit ihnen. Dieses Vorgehen ist charakteristisch für mich als systemischer Berater.

Was aber mindestens genau so wichtig ist: Zu jeder systemischen Intervention gehört dann auch auch eine Phase der Selbstorganisation. Das Prinzip gilt für Interventionen auf der Ebene von Individuen genau so wie auf Gruppen- oder Organisationsebene. Die Phase der Selbstorganisation bzw. Selbststeuerung ist genau so wichtig, wie die eigentliche Intervention selbst. In vielen Entwicklungsprozessen wird aus "Zeitmangel" auf diese Phase verzichtet. Selbst in Seminaren zur Entwicklung von Führungskräften wird dann gerne mehr auf Erlebnischarakter gesetzt als auf Reflexion und Einordnung. Dabei ist genau das die Phase in der sich tiefgreifende Änderungen festsetzen. Leider hat sich in den letzten Jahren dieser Erlebnischarakter in viele Seminare und Workshops eingeschlichen. Ein Trainer ist dann eben mehr Entertainer. Bis zu einem gewissen Grad ist das auch lernförderlich. Nichts ist ein stärkerer Motivator sich mit mit Dingen auseinanderzusetzen als das Interesse. Ohne Reflexion ist brennendes Interesse aber leider nur halb so wirkungsvoll. Insofern ist es wichtig, dass sich Menschen Zeit zur Reflexion geben. Erst hier zeigt sich, was die Personen aus den Anregungen für sich machen... Vielleicht ist auch dies ein gutes Argument für die Verwendung eines guten alten Tagebuchs.

Fazit: Systemische Interventionen sind niemals ein Heilsversprechen im Sinne eines rezepthaften Handelns. Insofern kann auch ein systemischer Berater niemals Erfolg zu 100 % versprechen. Er kann Impulse setzen und Gelegenheit zur Selbstorganisation geben. Es kommt dann noch eine wesentliche Komponente hinzu: Es ist die Vorstellung eines zu erreichenden Zieles. Im besten Falle ist dieses Ziel sehr gut beschrieben, bekannt, verinnerlicht. Systemisch betrachtet ist es wesentlich wichtiger das Ziel gut zu kennen als die einzelnen Bausteine auf dem Weg dort hin. Davon gibt es nämlich in der Regel immer mehrere...

Jetzt bin ich gespannt auf eure Resonanzen auf diesen Text und eure systemischen (Geh-) versuche...

Herzlich,

Euer Markus

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