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12.30.2008

Wenn aus dem Endspurt ein Marathon wird...

Für Berater, Trainer & Coaches sowie für Führungskräfte ist Selbstführung die Königsdisziplin. Schließlich ist man selbst der einzige Mensch, den man direkt steuern kann. Die Frage ist: Wann haben Sie sich selbst zuletzt bewusst geführt? Nach einem Monat „Funkstille“ auf meinem Blog ist das Jahresende eine gute Gelegenheit zur Selbstkritik und zur konstruktiven Auseinandersetzung mit dem Thema „sich selbst führen“.

Wenn ich das vergangene Jahr in der Rückschau betrachte mit der Perspektive: „Mich selbst führen“, dann sind für mich essentielle Fragen:

***Zur Bestandsaufnahme: Wieviel Energie ist gerade „im Tank“?***

- Was macht gerade Lust?

- Was macht Unlust-Gefühle? Was geht von alleine, was muss ich „managen“ um es effizient tun zu können?

***Und in der Rückschau:***

Wieviel Energie war zu welchem Zeitpunkt im Tank?

Wo ist viel Energie abgeflossen?

Wann ist Energie dazugekommen?

Und ich weiß nicht, wer von meinen Lesern meinen Eindruck teilen kann... Mir ging es so, dass aus dem Endspurt mehr ein Marathon wurde... Das war insofern nicht tragisch, als die Erholungsphase im Kalender sichtbar nahe kam und die Weihnachtszeit in diesem Jahr mit begrenzter Hektik geplant war. Für manche meiner Coaching-Klienten scheint Erholung aber (noch) nicht zum Leben zu gehören. Außerdem weiß ich aus eigener Erfahrung, dass es (für mich) wesentlich effektiver ist, kurze anstrengende Phasen mit (ebenso kurzen) Erholungspausen zu kombinieren. Der Effekt ist außerordentlich groß: Meine Leistungsfähigkeit ist unter dem Strich größer und die insgesamt notwendige Zeit zur Regeneration ist wesentlich kleiner...

Zur Reflektion könnten folgende Leitfragen interessant sein:

- Wann wurde aus der Selbstführung ein überwiegendes Selbstmanagement?

- Welche regelmäßigen Regenerationsphasen gab es, um einen Überblick zu gewinnen und zu gestalten statt abzuarbeiten? Wie kann ich im nächsten Jahr dafür sorgen, dass kurze, effektive Regeneration tatsächlich auch stattfinden?

- Welche Personen sind hilfreich um wieder mehr Gestalter zu sein? Wer trägt dazu bei um ins Abarbeiten zu geraten?

Für mich war in den letzten Jahren zum Thema Selbstführung ein Buch eine maßgebliche Inspiration:„

Das Prinzip des vollen Einsatzes“ von Tony Schwartz & Jim Loehr (im englischen Original heißt dieses Buch „The Power of Full Engagement“)

Die Disziplin des Erfolgs: Von Spitzensportlern lernen. Energie richtig managen

Wie immer bin ich grundsätzlich erst einmal kritisch mit neuen Ansätzen. Die erste Lektüre war zunächst nicht ganz einfach. Wie bei vielen Ansätzen & Büchern aus den USA braucht es eine gewisse persönliche Metaperspektive um sich nicht an den Marketingversprechen von „So-geht’s“-Literatur zu stossen. Mit anderen Worten: Es braucht auch ein wenig Energie um über den Heilsversprechen eines Ansatzes zu stehen, der die implizite Hypothese vertritt „Nur so geht’s“. Das macht es mir manchmal schwer, gute Ideen in meinen persönlichen Alltag zu integrieren. Übrigens glaube ich, dass sich Autoren und Berater in Zukunft einen Namen machen könnten, indem sie Konzepte so leicht verdaubar und anschlussfähig gestalten, dass ihre Kunden nicht den Eindruck bekommen, in der Hölle zu landen, wenn sie sich nicht an eine bestimmte Vorgehensweise halten. Das beste Beispiel dafür ist aus meiner Sicht Zeitmanagement: Jeder braucht es, jeder macht es zu einem gewissen Teil, aber es reicht halt nicht...Zurück zum Thema. Als Berater, Coach und Führungskräftetrainer gehört es zu meinem Alltag, Konzepte möglichst anwendbar und integrierbar anzubieten. Das gelingt mir jedoch nur, wenn ich solche Konzepte und Prinzipien selbst als wirklich nützlich er-lebe und deshalb probiere ich solche Dinge erst einmal einige Zeit aus. Und ich habe die Erfahrung gemacht, dass „Das Prinzip des vollen Einsatzes“ bei mir entscheidende Unterschiede gemacht hat. Es gibt mir die Möglichkeit der Selbsterkenntnis einerseits, insbesondere über die Energiebilanz der letzten 2 Monate und es lässt mich mehr zum Gestalter meines professionellen und privaten Lebens werden. Na, wenn das nichts ist, über das sich zu berichten lohnt?

Die Essenz aus dem „Prinzip des vollen Einsatzes“ ist für mich die folgendes Hypothese:Energie ist meine wertvollste Ressource. Nicht Zeit. Es geht darum, die persönliche Energie geschickt und bewusst einzusetzen.Soweit, so gut, aber wie gelingt das? Schwartz & Loehr beschreiben dazu in ihrem Buch eine Metapher aus dem Sportbereich (Wo es offenkundig um Höchstleistungen geht):

Das Leben als Marathon vs. eine Serie von Sprints

Im alten Paradigma leben und leisten Menschen, als ob sie einen Marathon laufen würden. Sie versuchen sich ihre Kräfte gut einzuteilen, damit sie möglichst vom Anfang bis zum Ende durchlaufen können. Im neuen Paradigma wird das Leben als eine Serie von Sprints betrachtet: Es geht mehr darum punktgenau ein Maximum an Leistung abrufen zu können als ein dauerhaftes Optimum (oder im schlechteren Fall ein Minimum). Kein Mensch kann allerdings DAUERHAFT so schnell laufen wir ein Sprinter.Aus dieser Überlegung ergeben sich eine Reihe von spannenden Folgebetrachtungen. Hier eine Auswahl derer, die für mich wichtig sind ohne Anspruch auf Vollständigkeit:

Umgang mit Stress: Statt Stress vermeiden, Stress bewusst aufsuchen

Wer schon mal einen Marathon weiß genau, was es heißt, seine Kräfte bewusst einzuteilen. Dazu gehört auch, große Belastungen zu vermeiden (wie z.B. Zwischenspurte). Manche Läufer laufen sich bei solchen Aktionen „blau“. Sie können einen Zwischenspurt noch bewältigen, aber die komplette Ausdauerleistung nicht mehr vollbringen. Im Lauftraining nutzt man jedoch solche Sprints als Trainingsintervalle um die gesamte Ausdauerleistung zu steigern! Im neuen Paradigma geht es also darum, Stress nicht als „schlecht“ zu definieren um ihm möglichst aus dem Weg zu gehen. Es geht vielmehr um einen bewussten Umgang mit Belastungen, indem sie bewusst aufgesucht werden. Dazu gehören aber auch die Erholungs- und Reflexionsphasen:

Regeneration gehört dazu: Auszeit als verlorene Zeit vs. Auszeit als produktive Zeit

Ich habe den Eindruck, dass viele Menschen Hochleistung so verstehen, dass sie in ihrer Wachzeit ständig Höchstleistungen bringen müssen und es bei der Optimierung ihres Lebens darin mündet, erstens die „unproduktive“ Schlafenszeit zu reduzieren und zweitens keine bewussten Ruhezeiten zuzulassen. Beides ist für Höchstleistungen nur leider nicht dienlich, auch wenn es sich vielleicht richtig anfühlt. Schwartz & Loehr führen einige wissenschaftliche Studien an, ich möchte nur auf ein anderes wissenschaftliches Buch verweisen, das sich mit der Effizienzsteigerung durch richtige Pausengestaltung beschäftigt:

20 Minuten Pause von Ernest L. Rossi und David Nimmons.

Lassen Sie sich bitte nicht von der Lektüre abschrecken! Das Buch sieht von außen aus wie ein schlechter Selbsthilferatgeber. Den Eindruck kann man leider auch in der neuen Auflage bekommen. Rossi ist Neurologe und ein ehemaliger Schüler von Milton Erickson. Er hat in jahrelanger wissenschaftlicher Forschung die Phänomene von guter Pausengestaltung auf die persönliche Leistungsfähigkeit nachgewiesen und präsentiert diese Ergebnisse in lesbarer Form.Meine persönliche Hypothese warum manche Menschen Zeiten der Regeneration als unproduktiv bewerten ist: Menschen haben oft keine Regenerationskultur! Wir lernen heute doch eher den Fernseher einzuschalten, als richtig abzuschalten. In der Schule gehört Entspannung und ein guter Umgang mit sich selbst auch nicht zum Programm. Wo bitte soll also da eine besonders hohe Meinung von wertvoll verbrachter Regenerationszeit herkommen?

Leistung muss sich (be-)lohnen vs. Leistung ist ein Mittel zum Ziel

Hart arbeiten funktioniert vor allem dann (wieder), wenn man sich für jeden Schritt belohnt. Das ist auch heute noch eine Hypothese aus der Verhaltenstherapie, die noch aus Zeiten des Behaviorismus stammt. Leistung ist demnach nur dann wirklich erreichbar, wenn Belohnung zeitnah erfolgt. Leider wird Leistung hier mit der Reaktion verwechselt, die auf einen Reiz erfolgt und durch Belohnung aufrecht erhalten wird. Leistung ist nach meinem dafürhalten sehr viel komplexer als eine bloße Aneinanderreihung von Reiz – Reaktionsmustern. Sie hat viel mit dem Motivsystem einer Person zu tun und aus der Motivationspsychologie ist dabei die Wirksamkeit von Zielen ausgiebig untersucht worden (siehe z.B. „Zwiebelringmodell der Leistungsmotivation“ - Achievement Motivation Inventory (AMI) von Schuler, Thornton, Frintrup & Mueller-Hanson, 2003)Die Frage ist jedoch: Wozu leiste ich? Will ich kurzfristig und konsistent eine Belohnung dafür, oder will ich einem mir selbst gesteckten Ziel nahe kommen? Ich persönlich denke, in der persönlichen Steuerung sind beides effiziente Mechanismen. Aber fragen Sie sich einen Moment, welcher von beiden Möglichkeiten nachhaltiger ist und Sie zufriedener macht?Sie kommen auch zu dem Schluss, dass es schön wäre, selbst gesteckte Ziele zu erreichen? Dann nehmen Sie sich bitte nicht zu viel vor und sorgen sie dafür, dass sie ihre Ziele regelmäßig und bewusst überprüfen...

Mein Fazit

Einmal mehr habe ich das Gefühl, gute Werkzeuge im Koffer zu haben. Um ein anderes Bild zu bedienen: Ein handwerklicher Meister oder gar Künstler wird man nur im ständigen Umgang mit diesen Werkzeugen. Es nützt nichts, sie nur im Koffer mit sich zu tragen. Endet man also damit bei der uralten Erkenntnis, dass man sich eben nur selbst erkennen muss, um etwas zu verändern? Das wäre ziemlich banal. Ich meine, die wahre Erkenntnis ist, dass es nicht genügt, sich einmal selbst zu erkennen, sondern dass dies zu einem kontinuierlichen guten Umgang mit sich selbst gehört.Die Leitfrage wäre: Auf einer Skala von 1-10 wie gut sind Sie im Kontakt mit sich selbst? In diesem Moment? Wo wollen Sie hin? Was ist Ihnen im Moment wirklich wichtig? Was brauchen Sie (ihr Körper? Ihr Geist?)?Und wie oft pflegen Sie einen guten und freundschaftlichen Umgang mit sich selbst und werden zu ihrem eigenen Begleiter?

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