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8.9.2012

Hirnforschung im Visier der Süddeutschen Zeitung

Kontra Hüther, Spitzer et al. auf Papierkorbniveau

Innerhalb von einer Woche publiziert die Süddeutsche Zeitung drei Artikel, in denen sie sich kritisch mit der Hirnforschung beziehungsweise mit  zwei prominenten deutschsprachigen Vertretern auseinandersetzt. Dabei gleitet das Niveau unter die Gürtellinie: Offene-Hosenstall-Polemik. Einfach für den Papierkorb. Dagegen sind die zwei offenen Hemdknöpfe von Richard David Precht, der den Hirnforscher Gerald Hüther interviewt, einfach putzig. Immerhin sind die bunten Hirnscann-Bildchen entzaubert. Ich plädiere für mehr Mut, im Alltag Neues auszuprobieren. Jetzt aber der Reihe nach.

Den Neurowissenschaften ist es mittlerweile gelungen, mit Ihren bildgebenden Verfahren eine wissenschaftliche Objektivität vorzugaukeln. Die bunten Hirnscann-Bilder fungieren in der öffentlichen Wahrnehmung als Qualitätssigel für wissenschaftliche Erkenntnisse.

Im SZ Magazin, Heft 35/2012 wird die Hirnforschung als „Königin aller Wissenschaften“ entthront. In diesem Artikel wird noch seriös der Erkenntnisweg der bildgebenden Verfahren, also der Verwandlung von Messdaten zu bunten Bildern beschrieben. Damit werden die willkürlichen Annahmen, auf denen die gewonnen Forschungserkenntnisse basieren, offen gelegt. Am Ende des Artikels kommt die erste Kritik an Büchern von Manfred Spitzer und Gerald Hüther.

Am 02.09.2012 interviewt der Philosoph und Bestsellerautor Richard David Precht im neuen Philosophieformat des ZDFs den Hirnforscher Gerald Hüther. Das Thema war „Skandal Schule“. Die beiden gingen der Frage nach, was unser Bildungssystem taugt. Gerald Hüther gibt psychologische Erkenntnisse wider, die ich vor über 15 Jahren im Studium gelernt habe. Ich freu mich, dass da endlich jemand ist, der diese Erkenntnisse publikumswirksam verbreitet. Ich frag mich, warum macht das ein Hirnforscher? Haben sich die Psychologen mit Tintenklecksen lächerlich gemacht, so dass sie in der öffentlichen Diskussion nicht mehr ernst genommen werden?

Am Folgetag schlägt die Süddeutsche Zeitung wieder zu. Im Vordergrund der Rezension „Disco-Diskurs“ steht die Innenarchitektur des Fernsehstudios und die zwei offenen Hemdknöpfe des Gasgebers. Precht wird vorgeworfen aus den Theorien der Philosophie eine Art diskursiven Babybrei fürs einfache Fernsehvolk zu machen. Gerald Hüther wird als Bildungs-Apokalyptiker mit sonderbaren, nicht nachprüfbaren Antworten dargestellt. Schade, dass keine ernsthafte Auseinandersetzung mit den bis heute gültigen und in unserem staatlichen Bildungssystem weitestgehend ignorierten Erkenntnisse der Pädagogischen Psychologie stattfindet.

In der Wochenendausgabe vom 8./.9.September 2012, Rubrik Wissen wird dann der Hirnforscher Manfred Spitzer zerlegt. Seinem aktuellen Buch „Digitale Demenz“, seit fünf Wochen auf der Spiegel-Bestseller Liste widmet die Süddeutsche Zeitung eine ganze Seite. Im ersten Teil wird Manfred Spitzer als polemischer Missionar der Medienkritik lächerlich gemacht. Im zweiten Teil wird sein Buch einem Faktencheck unterzogen. Es fällt durch. Hier steigt zumindest das Niveau der Süddeutschen Zeitung wieder auf Bauchnabelhöhe.

Der Süddeutschen Zeitung halte ich zu Gute, dass sie bemüht ist, bunte Hirnscann-Bilder zu entzaubern. Und auch Tintenkleckse bleiben Tintenkleckse und Deutungen bleiben Deutungen. So gesehen bleiben bunte Hirnscann-Bildchen bunte Bildchen und Interpretationen Interpretationen. Lösungsorientiert ist, mutig in der Praxis zu experimentieren, neue Ideen auszuprobieren, innovative Pilotprojekte anzupacken, die als Leuchttürme fungieren und über die Erfolge zu berichten. Wilhelm Busch sagte schon: „Es gibt nichts Gutes. Außer man tut es.“

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