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13/11/2019

9 Thesen zu Kompetenzen und Lernen der Zukunft

future worx Innovation Lab, 24.09.2019

von Jaakko Johannsen, Thilo Leipoldt und Markus Schwemmle

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“Die Zukunft ist keine Glaskugel" (unbekannt)

Lebenslanges Lernen ist uns vertraut. Vom Verstand her zumindest weiß ein jeder, der heute arbeitet, dass es keine verlässliche Kontinuität bezogen auf den eigenen Arbeitsplatz gibt. „Zum Glück“, werden viele sagen. Andere treibt eine diffuse Angst um, abgehängt zu werden. Agil war gestern, New Work wird heute breit diskutiert. Darin zeigt sich eine Sehnsucht nach mehr Mensch sein, nach mehr Kundenorientierung und weniger interne Systembefriedigung und weniger Beschäftigung mit sinnlos, überlebten Prozessen und etablierten Hierarchien. Eines scheint klar: Die Wirtschaft, wie wir sie kennen, verändert sich massiv. Wie verändert dies unsere Arbeitsplätze? Was brauche ich, um in der Zukunft weiterhin wirksam zu sein? Wie funktioniert Arbeit morgen? future worx ist unsere Perspektive auf diese Fragen und
Themen, die uns selbst ebenso beschäftigen wie unsere Kunden, Kolleginnen und Kollegen.
Wir erwarten immer mehr Erstmaligkeiten in der Zukunft. Wir werden kontinuierliches Lernen
noch ernster leben. In Bewegung bleiben, Menschen bewegen und Bewegungen initiieren -
das wird unseren Alltag bestimmen.


Ausgehend von 9 Thesen zu “Kompetenzen und Lernen der Zukunft" beleuchten wir die
Auswirkungen, Implikationen und Herausforderungen. Wir gehen über ein reines
Kompetenzmodell hinaus und blicken ebenso auf die Zukunft des Lernens selbst. Zur
Verortung der Diskussion bieten wir drei Perspektiven als Rahmen. Die Perspektiven geben
uns einen gemeinsamen Bezugsrahmen und damit auch eine gemeinsame Sprache.

These #1 - Kernkompetenz:

In den Zeiten der Aufklärung war eine wissenschaftlich, rationale und empirische
Grundhaltung der angesagte Mindset, um die Welt zu verstehen. Es war die Abkehr vom
Aberglauben, vom Mysthizismus und der unbedarften Reliogionsgläubigkeit. Die Welt, wie sie
war, wurde durch die bisherigen Logiken und Systeme nicht mehr hinreichend erklärt. Und das
Unverstandene, das Unverständliche und Unerklärliche flößte schon damals vielen Menschen
Angst ein. Die Naturwissenschaften können inzwischen viele Phänomene erklären. Die
technologischen Entwicklungen schreiten zunehmend schneller voran. Erste selbstlernende
System sind inzwischen schon so komplex, dass menschliche Experten sie nicht mehr
vollständig erfassen, geschweige denn vollumfänglich und zielgerichtet beeinflussen (von
beherrschen rede ich gar nicht) können.
Jenseits von diesen hochkomplexen sich gegenseitig beeinflussenden IT-Systemen, gibt es
aber noch jede Menge Technik, die wir nicht nur nutzen, sondern auch verstehen sollten. Je
mehr Verständnis da ist, desto eher können die Möglichkeiten bewußt für Gutes genutzt
werden. Dieses Verständnis ist der Schlüssel, um aufgeschlossen und offen dem Neuen zu
sein und sich nicht ängstlich vor Neuerungen zu verschließen. Im Kontext von Lernen ist diese
Haltung der Offenheit essentiell.


● Angst führt zur Abkehr von Offenheit und blockiert damit individuelles Lernen,
aber auch gemeinsames, zielgerichtetes agieren.
● Verstehen und Verständnis mindert Angst, weckt Neugier und lässt uns Technik
positiv nutzen.


These #2 - Kernkompetenz:


When life gives you lemons, make lemonade, besagt ein englisch-sprachiges Sprichwort.
Übertragen auf die kontinuierliche Welle der Veränderung, die uns manchmal droht
fortzutragen, möchte ich sagen: When change makes big waves, go surfing! Nur was könnte
die Fähigkeit Wellen zu reiten sein? Aus meiner Sicht ist Lernen die zentrale Voraussetzung,
um sich an Neues anzupassen, um darin Chancen zu sehen und mutig Neues zu wagen.
Erfolgreiches individuelles, wie soziales Lernen zahlt auf das eigene Selbstwirksamkeitserleben
ein und befähigt somit im Sinne einer Metakompetenz, sich Neuem zu stellen und
nicht fortgetragen zu werden. Mit einer positiven Haltung sehe ich eher die Chancen und nutze
Neues. Wellenreiten bedeutet dann, die Möglichkeiten der Veränderungen hinsichtlich der
eigenen Ziele zu bewerten und diese sinnvoll zu nutzen. Es geht also um die Haltung, mit der
auf Neues geblickt wird, gepaart mit der Kompetenz der Utilisierung.

These #3 - Kernkompetenz:


Regulation bezeichnet die Fähigkeit, äußere Aktivitäten mit der inneren Motivation zu
synchronisieren. Jemand, der eine hohe Regulationsfähigkeit ausgeprägt hat, übt auf sich
wenig Selbstdisziplin aus, d.h. er muss nicht gegen etwas wie einen „inneren Schweinehund“
ankämpfen oder hat nicht das Gefühl sich dauerhaft zu verbiegen. Er kennt vielmehr seine
inneren Motive und wählt achtsam seine Aktivitäten, in denen er naturgemäß eine hohe innere
Motivation verspürt. Wer Selbstregulation beherrscht, wird Arbeit und innere Entwicklung mit
Flow assoziieren und von sich aus immer wieder aufsuchen. Neugier und Lernen ist seine
zweite Natur. Die höchste Form der Regulation erfährt jemand, wenn er sich nicht auf Rollen
festgelegt erlebt, sondern gerne und lustvoll zwischen Rollen in allen Lebenswelten hin- und
herwechseln kann, also nicht auf wenige Rollen festgelegt ist. Gleichzeitig erlebt so jemand
den Drang, sich immer wieder in neuen Rollen auszuprobieren. Dadurch begeht er nicht den
Fehler, sich selbst mit einer oder mit wenigen beruflichen Rollen zu verwechseln und bleibt
innerlich wendig.


Es ist hilfreich, sich der eigenen Prägungen bewusst zu werden, die dafür sorgen, dass sich
eine innere Vorstellung von einem gelungenen Berufsleben bildet. Eine Methode, sich der
eigenen beruflichen Prägungen bewusst zu werden erlaubt es, innere Bilder aus der
Vergangenheit zu sammeln, die eventuell bis zur Gegenwart eines Menschen
handlungsleitend sind. Diese seelischen Leitbilder sind innere Vorstellungen von gelungenem
Berufsleben, die unter Umständen noch lange wirksam sind. Ein Mensch mit hoher Fähigkeit
zur Regulation kennt seine prägenden Bilder und kann jedoch seine eigene Identität flexibel
gemäß aktueller Umstände anpassen.


These #4 - Kernkompetenz:


Die Kunst der professionellen Bezogenheit auf andere wird dazu beitragen, dass sich
Menschen mit großer innerer Wendigkeit und Flexibilität täglich immer wieder neu auf andere
einlassen. Das Konzept des „Kollegen“ der einem über viele Jahre als Kooperationspartner in
Organisationen begegnet, wird in dieser Form nicht mehr gegeben sein. Tatsächlich werden
wir lernen müssen schnell Beziehungen aufzubauen und in vertrauensvolle Kooperation zu
kommen. Hilfreich für gute Arbeits- beziehungen zwischen Menschen ist eine wertschätzende
und Zusammenarbeit fördernde Unternehmenskultur, die es erlaubt, dass sich Menschen
direkt vernetzen und aufeinander zuzugehen. Meistens ist jedoch die innere Barriere
schwieriger zu umgehen als äußere, z.B. unternehmensstrukturelle Grenzen, zwischen
Abteilungen und Teams. Sozialer Vergleich und Statusdenken verhindern häufig die
konstruktive Ko-Kreation.


These #5 - Kernkompetenz:


Wie gestalte und lebe ich meinen Entwicklungsprozess? Das ist die Kernfrage zu dieser
These. Die heutige Haltung beruht auf dem Imperativ, dass wir etwas oder jemand „werden“
wollen oder sollen. Aus meiner Sicht ein Skript, das immer noch unserer Bildungslandschaft
entspringt. Bevor jemand z.B. keine Berufsausbildung, keinen Studienabschluss oder keine
Führungskräfteentwicklung abgeschlossen hat, kann er nicht berufstätig oder als
Führungskraft eingesetzt werden.
Was aber, wenn es nicht mehr darum geht einen Abschluss zu erreichen? Um was geht es
dann? Es geht um die Frage, wie ich mir regelmäßig klar werde, welche Fähigkeiten ich
besitze und welche ich noch brauche und wie ich dann eigenverantwortlich und selbständig
dafür sorge, immer weiter zu lernen und dabei auch wichtiges von weniger wichtigem
unterscheide. Zum Lernen gehört einerseits die Neugier und das Kennenlernen wollen, bzw.
auch das Einlassen. Andererseits gehört dann auch die Übung und eventuell Vertiefung bis
zur Meisterschaft dazu. Nur wer es schafft, lebenslang seine Lernprozesse zu organisieren
und sogar die intelligente und zielgerichtete Nutzung der digitalen Welt nutzt, wird es schaffen
nicht von Anforderungen getrieben zu sein, sondern selbstbestimmt zu leben und zu arbeiten.

These #6 - Kernkompetenz:


Die innere Haltung eines Menschen in der digitalen Zukunft wird idealerweise als „valuable
contributor“ beschrieben werden. Er wird sich in beruflichen Kontexten immer wieder die Frage
stellen: „In welcher Rolle kann ich jetzt einen Wertbeitrag liefern?“ Und er wird relativ rasch in
der Lage sein, sich in diese Rollen zu begeben, ohne das Gefühl zu haben, sich „unter Wert“
zu verkaufen. Er fühlt sich nicht durch Statusdenken oder Lebensalter außerstande, diesen
Beitrag zu leisten. Er ist im Gegenteil mit seiner Wirkung identifiziert und der Lust am
gestaltenden Handeln - gerne in Zusammenarbeit mit anderen. So kann er in der einen Minute
leitend agieren und z.B. für andere sichtbare Zusammenhänge entwickeln und später auch
selbst Hand anlegen und operativ tätig werden. Er ist geschätzt, weil er sich und andere nach
vorne bringt und auch immer wieder deutlich machen kann, was von wem in welcher Rolle
gebraucht wird.


These #7 - Kernkompetenz:


Digitale Medien machen von sich aus das Lernen nicht einfach besser. Forschungsergebnisse
zeigen, dass Medien nicht per se lernförderlich wirken. Sie sind es erst dann, wenn
die Eigenschaften des Mediums mit den Lernvoraussetzungen der Teilnehmer und den
angestrebten Lernzielen zusammenpassen. Digitale Medien fordern zudem eine ausgeprägte
Fähigkeit, selbstgesteuert zu lernen.

Das erfordert in Zukunft Lernbegleiter, die selbstgesteuertes Lernen fördern, die passende
Lernmedien auswählen, Lernsettings gestalten, Reflexion anregen, Übungen anleiten, zu
individueller Umsetzung beraten und Rückkopplungsprozesse sichern. Lernen im Sinne von
Kompetenzentwicklung ist auf Ermutigung und Feedback angewiesen und bleibt damit immer
ein sozialer Prozess.


These #8 - Kernkompetenz:


Die Wirklichkeit ist vielschichtig und komplex. Eine Unterteilung in Einzeldisziplinen, die oft
willkürlich ist, findet in der Wirklichkeit nicht statt. Aktuelle Probleme sind nicht entsprechend
den disziplinären Grenzen zugeschnitten. Die zunehmende Globalisierung stellt uns vor
Probleme die ebenso vielseitig und neu sind. Die größten Probleme unseres Planeten sind
Umweltzerstörung, Klimawandel, Armut und Hunger. Die Globalisierungsprozesse haben die
Welt derart verändert, dass die historisch gewachsene, disziplinär geordnete
wissenschaftliche Arbeitsteilung und die nationalstaatlichen Verwaltungen mit der nachhaltigen
Problemlösung überfordert sind.

Globale Probleme fordern globale Lösungen. Nachhaltige Lösungen setzen interdisziplinäres
Handeln voraus. Interdisziplinäres Handeln meint hier einen sozialen Prozess der auf
Expertenaustausch beruht. Auf die Frage, woher Problemlösungsideen kommen, antworteten
Experten: Durch Literaturrecherche, viele Problemlösungen sind in der wissenschaftlichen
Literatur schon beschrieben. Durch morphologische Analyse, bei der bestehende
Lösungsansätze systematisch neu kombiniert werden. Und letztendlich durch den Austausch
von Experten, die sich mit vergleichbaren Problemstellungen beschäftigen.

These #9 - Kernkompetenz:


Jedem Anfang liegt ein Zauber inne. Der stete Tropfen höhlt den Stein. Ein Rinnsal entsteht.
Es wird zum Bach zum Fluss und zu guter Letzt zum kraftvollen Strom. Am Beispiel der
Umweltbewegung lässt sich eine solche Entwicklung gut aufzeigen. Die Wurzeln der
Umweltbewegung liegen im bewahrenden Natur- und Heimatschutz, der sich schon seit dem
beginn des 19. Jahrhunderts gegen die Folgen der Industrialisierung wandte. Das
Wissenschaftszentrum Berlin ermittelte bereits 1998 einen Bestand von 9200
Umweltschutzorganisationen. Die Umweltbewegung hat es in den letzten Jahrzehnten
geschafft, Umwelt-, Natur- und Tierschutzpolitik als Zukunftspolitik zu einem festen Bestandteil
der öffentlichen Debatte werden zu lassen. Gleichzeitig erleben wir jedoch, wie – als Folge
ungebremsten Wachstums – der Artenschwund auch in Deutschland dramatische Ausmaße
angenommen hat und der Flächenverbrauch viel zu groß ist. Die politischen Erfolge von
Umwelt-, Natur- und Tierschutzverbänden konnten, so wichtig sie lokal auch gewesen sein
mögen, die Beschleunigung des Ressourcenverbrauchs nicht aufhalten, sondern ihn
höchstens räumlich oder zeitlich verlagern.


Heute geht es darum, zu einer Gestaltungsbewegung zu werden, und für langfristig wirksamen
Umwelt-, Natur- und Tierschutz zu streiten. Deutlich werden dabei die Grenzen der
Gestaltbarkeit gesellschaftlicher Entwicklung, wenn sich die gestaltenden Akteure und
Akteurinnen nur in ihren jeweils begrenzten Disziplinen und Sphären organisieren: In
Ministerien (geordnet nach Politikfeldern), in einzelnen Verbänden (auf der Ebene der
Zivilgesellschaft), in einzelnen Fachbereichen (in der Wissenschaft). So versucht das
Umweltministerium mit einem Budget von 3,8 Milliarden Euro, die Umweltqualität zu
verbessern, während das Wirtschafts- und Arbeitsministerium 52 Milliarden Euro
umweltschädliche Subventionen ausschüttet. So propagieren Umweltverbände
nachhaltig-vegan-biologische Lebensstile, ohne den Anspruch beispielsweise der Caritas im
Blick zu haben, Menschen überhaupt satt zu bekommen. Es war der größte Fehler der
Umweltbewegung, zu glauben, dass Ökologie, Ökonomie und Soziales – gleichberechtigt
nebeneinanderstehend – getrennt politisch bearbeitet werden können. Denn sobald es ernst
wird, drängt das Streben nach Wirtschaftswachstum die Umwelt und den Menschen an den
Rand. Um aus der Wachstumsabhängigkeit auszubrechen, müssen wir Nachhaltigkeit
verstehen als ein Wirtschaften, das den Menschen heute und morgen dient und Armut und
Hunger beseitigt. Aber das kann nur innerhalb der planetarischen Grenzen stattfinden.
An der aktuellen globalen Schüler- und Studierendenbewegung „Friday for Future“ lässt sich
erkennen, in welcher Geschwindigkeit heute die Aktion einer Einzelnen eine globale
Bewegung formieren kann. Erstmals am 20. August 2018 verweigerte die damals 15-jährige
Klimaschutzaktivistin Greta Thunberg den Unterrichtsbesuch. Laut Fridays for Future Strike
List Countries , abgerufen am 26. April 2019, sollen weltweit 1.789.235 Menschen am 15. März
2019 an den Demonstrationen von Fridays for Future teilgenommen haben. Wir erleben alle
mit welcher Kraft diese Bewegung die Politik zum Handeln auffordert. Und können beobachten
welche Unterschiedlichen Bewegungen und Initiativen hier zusammenfließen.
Wenn wir die Zukunft gestalten wollen, müssen wir in Bewegungen denken und diese bewusst
anstreben.

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